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"Dietrich Bonhoeffer - Ausstellung in Wort und Bild" bis zum 30. April in Bautzen

Donnerstag, 5. März 2009

 

Vom 2. März bis 30. April 2009 (Mo - Fr 14.00 - 18.00 Uhr) ist im Regionalbüro der sächsischen Landtagsabgeordneten Antje Hermenau - Grüner Laden Bautzen - eine Ausstellung in Wort und Bild über das Leben und Wirken Dietrich Bonhoeffers zu sehen.

Die biografische Bilder- und Dokumentensammlung, eine Leihgabe der Ev.-luth. Kirchengemeinde Blankenese und ermöglicht durch Dr. Johann Berger aus Linz sowie die Italienerin Antonella de Bernardis, beginnt mit Bonhoeffers Familiendaten und seinem theologischen Werdegang. Die Ausstellung schließt mit seiner Auseinandersetzung mit dem Nazi-Regime sowie der Gefängniszeit bis hin zu seinem Tod.

Eröffnet wurde die Ausstellung von der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, MdB Katrin Göring-Eckardt.

Rede von Katrin Göring-Eckardt zur Ausstellungseröffnung:

"Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."

Jedes Mal, wenn ich dieses Gedicht am Altjahresabend höre und singe, bekomme ich eine Gänsehaut. Ich bin immer wieder aufs Neue verunsichert: Wie kann ein Mensch, der alle Gewissheiten infrage gestellt sieht – die Gewissheit, seine anerzogenen konservativ-bürgerlichen Werte vertreten zu können, die Gewissheit, in den deutschen Kirchen auf Nächstenliebe zu stoßen, ja selbst die Gewissheit, am nächsten Tag noch zu leben – wie kann ein solcher Mensch immer noch so viel Gottvertrauen haben? 

"Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern

des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern

aus Deiner guten und geliebten Hand."

Hätte man solche Gedanken gern? Möchte man nicht lieber schreien "nein!", nicht mit mir. Möchte man nicht lieber "nein!" sagen, weil man so ein Unrecht nicht widerspruchslos über sich ergehen lassen will?

Aber genau diesen Widerspruch pflegte Bonhoeffer in aller Konsequenz zu wagen. Bonhoeffer war ein gläubiger Christ, ein Revolutionär und ein standhafter Demokrat zugleich. Ich halte es für eine sehr gute Idee, eine Ausstellung über ihn gerade hier zu zeigen, an einem politischen Ort. In einer Zeit, in der die Demokratie von den neuen Rechten, von den Neonazis, immer wieder infrage gestellt wird. In einer Zeit, in der wir – hier im Osten – wieder für die Demokratie auf die Straße gehen. Wir haben es auch vor 20 Jahren getan, und viele Kirchenleute waren dabei in den ersten Reihen. Und wir tun es heute, wenn in Dresden die Nazis wieder einmal darauf verzichten, geschichtliche Tatsachen anzuerkennen. Wer nun ist dieser Mann, der ein Vorbild für viele Menschen war und ist?

Dietrich Bonhoeffer wird am 4. Februar 1906 als sechstes von acht Kindern geboren. Seine Kinderwelt ist eine heile Welt. Später wird er sagen, das Elternhaus habe ihn von den Schattenseiten des Lebens ferngehalten. Dietrich ist ein schöner Junge mit langen blonden Haaren und einem weichen Gesicht. Das Haus der Bonhoeffers ist groß und offen für Gäste. Verwandte, Freundinnen und Freunde der Familie gehen ein und aus. Dietrich lebt in einer Umgebung, die offen ist für vielfältige Einflüsse und Begegnungen. Spuren berühmter Leute aus Vergangenheit und Gegenwart finden sich im ganzen Haus. Der Vater Karl Bonhoeffer hat den führenden Lehrstuhl für Neurologie in Berlin inne und ist zugleich Leiter der renommierten Charité-Klinik. Er ist davon überzeugt, dass die Welt erforscht und begriffen werden kann. Von religiösen Spekulationen hält er nichts. Die Kinder werden zu Sachlichkeit und Ehrlichkeit erzogen. Auf die Tugenden Distanzhalten und Selbstbeherrschung soll besonderer Wert gelegt worden sein.

Als Dietrich Bonhoeffer acht Jahre alt ist, beginnt der Erste Weltkrieg. Die scheinbar heile Welt gerät ins Wanken. Einige Jahre später entschließt er sich, Theologie zu studieren. Er will das Rätsel seines Lebens lösen, wie er später bemerkt. Er ist ein frommer Mensch, aber in einer Art und Weise, die in kein Schema passt. Bei ihm fehlt, was die Mehrzahl der Theologiestudierenden selbstverständlich mitbringen: Die kirchliche Sozialisation. Denn die Familie Bonhoeffer ist der als klein kariert empfundenen evangelischen Kirche nicht sonderlich verbunden. Der Vater hat für Religion nur ein müdes Lächeln übrig. Die Mutter hingegen ist sehr religiös; sie schickte ihre Kinder aber nicht in die Kirche. Stattdessen machte sie die Kinder selbst mit der Bibel vertraut.

Nach zwei Semestern Studium ermöglichen die Eltern Dietrich einen Studienaufenthalt in Rom. Hier kommt für ihn zusammen, was bisher getrennt war: Kirche und Glaube, Lehre und Leben. Er erlebt eine Frömmigkeit, die die Sinne nicht verneint. Er notiert sich in sein Reisetagebuch: "Palmsonntag… der erste Tag, an dem mir etwas Wirkliches vom Katholizismus aufging, ich fange an, glaube ich, den Begriff Kirche zu verstehen". Als er in Berlin sein Studium fortsetzt, hat er eine klare Perspektive: Er will ergründen, was eine wirkliche, lebendige Kirche ist. Von dieser Frage wird er zeitlebens nicht mehr loskommen. Und diese Frage bleibt bis in die heutige Zeit ungebrochen aktuell.

Die Zeit seines Studentenlebens widmet Dietrich Bonhoeffer fast ausschließlich dem Theologiestudium. Für die verhängnisvollen politischen Entwicklungen der Weimarer Republik interessiert er sich nicht. Er gibt sich gerne distanziert und zeigt nur selten Gefühle. Er belässt es bei seinen theologischen Reflexionen fernab von einem praktischen, kirchlichen Gemeindeleben.

Dies soll sich ändern, als Bonhoeffer 1930 nach New York fährt, um dort sein Studium fortzuführen. Hier trifft er auf Menschen, die ein ökumenisch orientiertes Christentum verkörpern. Er lernt politisch und sozial engagierte Christinnen und Christen aus aller Welt kennen. Für Dietrich Bonhoeffer beginnen nationale Grenzen an Bedeutung zu verlieren; zugleich wächst in ihm eine pazifistische Grundhaltung. Mit einem neuen und für die damalige Zeit ungewöhnlichen politischen Bewusstsein kehrt er nach Deutschland zurück.

Bonhoeffer wird in Berlin Privatdozent. Nebenher übernimmt er eine "verwilderte" Konfirmandenklasse im Arbeiterviertel Prenzlauer Berg, einem Viertel, in dem damals die Armen leben. Anfangs benehmen sich die Kinder wie verrückt. Aber Dietrich Bonhoeffer weiß mit Kindern umzugehen. Er erzählt ihnen sowohl persönliche Geschichte aus New York als auch spannende Geschichten aus der Bibel und sorgt damit ohne weiteres Zutun für Ruhe. Des Öfteren organisiert er auch Ausflüge oder spielt mit den Konfirmanden lange Fußball. Was er hier versucht, ist wohl eine Vorstufe zu seinem späteren Gedanken des religionslosen Christentums. Denn er will nicht die von der Kirche entfremdeten Kinder wieder in die Amtskirche zurücklocken, an welcher er selbst Kritik übt, sondern er will mit ihnen selbst Kirche sein. Kirche ist damit nicht mehr identisch mit einer bestimmten religiösen Form, sondern sie ist überall, wo Menschen solidarisch im Glauben an einem Gott miteinander leben. Mit anderen Worten: Es geht Bonhoeffer um eine Kirche aus lebendigen Steinen.

An der Universität ist Dietrich Bonhoeffer eher ein Außenseiter. Für den Dozenten wird die Frage nach einer glaubwürdigen christlichen Praxis zunehmend wichtiger als seine wissenschaftliche Karriere. Er experimentiert mit neuen Lernformen, er fährt mit den Studierenden aufs Land und lädt zu offenen Abenden ein. Bald trifft sich regelmäßig ein Kreis aus Studierenden bei Bonhoeffer. Bemerkenswert ist sicher, dass sich darunter viele Frauen befinden, obgleich nur 3 Prozent der damaligen Theologiestudierenden Frauen sind. Bonhoeffer will gleichberechtigte Diskussionen und Auseinandersetzungen.

Adolph Hitler kommt an die Macht. Grundrechte werden außer Kraft gesetzt, der nationalsozialistische Terror beginnt. Die evangelische Kirche in Deutschland begrüßt die beginnende Zerschlagung der Arbeiterbewegung und die Entrechtung und Verfolgung der Juden. Viele Geistliche in Deutschland schließen sich den Deutschen Christen an, welche der Nazi-Ideologie folgen. Sie besetzen bald alle kirchlichen Schlüsselpositionen. Dietrich Bonhoeffer hat nicht mehr erlebt, dass viele dieser Deutsche Christen keine Mitschuld empfinden an Konzentrationslagern und Völkermord. Und das sie nach dem Ende des Naziregimes fast alle in Amt und Würden geblieben sind. In einer Predigt sagt Dietrich Bonhoeffer zu den Ereignisse: "Kommt, ihr Alleingelassenen, die ihr die Kirche verloren habt, wir wollen wieder zurück zur heiligen Schrift, wir wollen zusammen die Kirche suchen gehen." Als die evangelische Kirche 1933 den staatlichen Arierparagraphen übernimmt, formiert sich in den eigenen Reihen Widerstand, aus welchem die sogenannte Bekennende Kirche erwächst. Doch auch die Mitglieder der Bekennenden Kirche haben zumeist nichts an Hitler und seinem Apparat auszusetzen. Sie verwerfen lediglich die deutschchristliche Irrlehre. Die Bekennende Kirche spricht der herrschenden Kirchenregierung das Recht ab, die Kirche zu repräsentieren.

Damit die Oppositionskirche eigene Geistliche ausbilden kann, wird ein Seminarleiter gesucht. Dietrich Bonhoeffer sagt zu. 1935 beginnt das erste Predigerseminar mit 23 Kandidaten in Finkenwalde. Der Direktor Bonhoeffer ist zu diesem Zeitpunkt erst 29 Jahre alt. Er vermittelt nicht nur theologisches Fachwissen, sondern versucht auch konsequent die Verbindung von Lehre und Leben herzustellen. Man lebt gemeinsam, man organisiert Diskussionsabende, Musikveranstaltungen und Literaturlesungen. Bonhoeffer und viele seiner Kandidaten bekennen sich gegen Hitlers Machtausübung und sind strikt gegen eine Annerkennung der Deutschen Christen. Doch diese Position wird unter den Christen in Deutschland immer seltener. Dem Predigerseminar wird von offizieller Stelle Staatsfeindlichkeit und Illegalität vorgeworfen. Trotzdem geht der Unterricht weiter, auch wenn die Konfrontationen anschwellen. Das gemeinsame Leben in Finkenwald wird zu Bonhoeffers eigentlichem Lebensinhalt. Hier erkennt er die Bedeutung von Solidarität. Der Zusammenhalt im Seminar wächst, als die deutsche Kirche die christliche Oppositionsbewegung offen missbilligt. Als aus einem radikalen Flügel der Bekennenden Kirche ein Schreiben an die Öffentlichkeit kommt, welches staatliche Willkür und Antisemitismus anprangert, werden die ersten Leute aus Bonhoeffers Seminar deportiert. Aus Berichten von Freunden weiß er nun, wie es in den Konzentrationslagern zugeht. Am 9. November 1938 brennen die Synagogen, es kommt zu zahllosen Übergriffen auf Juden. "Die Kirche war stumm, wo sie hätte schreien müssen", schreibt Bonhoeffer, "sie ist schuldig geworden am Leben der schwächsten und wehrlosesten Brüder Jesu Christi."

Im Sommer 1939 fährt Bonhoeffer in die USA, um einem Lehrauftrag zu folgen. Doch er bleibt nur wenige Wochen. Zum großen Unverständnis seiner Umgebung kehrt er kurz vor Ausbruch des Krieges nach Deutschland zurück. Denn dort sieht er seine Lebensaufgabe. In Deutschland angekommen, geht Bonhoeffer den Weg der politischen Konspiration. Er findet durch Beziehungen zu anderen Verschwörern eine Anstellung bei der Spionageabwehr der Wehrmacht. Bonhoeffer versucht, dem westlichen Ausland Informationen über die deutsche Widerstandsbewegung zuzuspielen.

Dietrich Bonhoeffer lässt keinen Zweifel daran, dass jede Anwendung von Gewalt Schuld ist und bleibt. Aber er besteht darauf, dass es Situationen geben kann, in denen ein Christ um der Nächstenliebe willen schuldig werden muss. Bei Attentatsplanung und Umsturzplänen nimmt Bonhoeffer nunmehr eine aktive Rolle ein. Zwei Attentate auf Hitler, bei denen Bonhoeffer enger eingebunden war, scheitern. Die Gefahr, dass seine Tätigkeiten entdeckt werden, steigt. Jeden Tag ist er auf seine Verhaftung gefasst. In dieser Zeit verliebt sich Bonhoeffer. Anrührende Briefe zeigen, dass der große Intellektuelle auch ein einfacher, total verliebter Mann sein konnte. Zu einer Heirat wird es aber nicht mehr kommen. Obwohl sich die Anschuldigungen nicht erhärten lassen, wird Bonhoeffer am 5.April 1943 verhaftet. Die Haftbedingungen im Wehrmachtsgefängnis Tegel sind für ihn relativ locker. Er lernt Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus kennen. Es beeindruckt ihn, dass Menschen, die weder vom christlichen Glauben noch von bürgerlicher Bildung geprägt sind, hilfsbereite und kluge Mitstreiter sind – während er in der Kirche und im Bürgertum mit Opportunismus zu kämpfen hatte. Dietrich Bonhoeffer geht nicht mehr auf Distanz. In der Notgemeinschaft in Tegel gibt und erfährt er Solidarität. Er beginnt, seine berühmten Überlegungen zu einem religionslosen Christentum niederzuschreiben. Seiner Ansicht nach kann Gott nicht durch eine Religion, sondern nur durch gerecht handelnde Menschen sichtbar werden. Es soll gehandelt werden, für eine gerechte Welt.

Das letzte Foto von Dietrich Bonhoeffer stammt aus dem Sommer 1944 und zeigt einen Menschen, der seine Distanziertheit überwunden hat und befreit wirkt. Er schreibt: "Ich dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte. Später erfuhr ich, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt."

Im Zuge des missglückten Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 werden Dokumente gefunden, die Bonhoeffers umstürzlerisches Wirken offen legen. Bevor er in verschiedene Konzentrationslager transportiert wird und schließlich am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt wird, hat er ein Gedicht geschrieben, welches weltweit bekannt werden soll. Besonders bekannt ist die letzte Strophe des Gedichtes. Dietrich Bonhoeffer ist an einem Punkt angelangt, wo er beides bejahen kann: Das Leben ebenso wie das Sterben. Er schreibt:

"Von guten Mächten wunderbar geborgen

erwarten wir getrost was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag."

Bonhoeffers Bekenntnis zu Gott ist eng verbunden gewesen mit einem entschlossenen Einsatz gegen das Unrecht. Sein Verdienst ist auch, nationale und soziale Grenzen des Gemeindegedankens beispielhaft geöffnet zu haben. Für viele Gemeinden der DDR boten Bonhoeffers Aussagen wichtige Orientierungspunkte. Bonhoeffer gab den Menschen vor allem mit auf dem Weg, dass Gottes Wille nicht über uns kommt, sondern dass wir im gerechten Handeln Gottes Willen verwirklichen können. Und genau weil sich Politik an der Frage nach ihrer Gerechtigkeit messen lassen muss, ist die Ausstellung gut an diesem politischen Ort aufgehoben.

Bonhoeffer wird nicht ohne Furcht gehandelt haben – aber seine Überzeugung und sein Verantwortungsgefühl vor Gott und den Menschen waren größer als die Angst. Licht, Geborgenheit und Kraft kamen aus seinem Glauben. Gerechtigkeit und Menschlichkeit waren Bonhoeffers Maximen. Sein Handeln und seine Geradlinigkeit sind Vorbild – aber auch, dass er wusste, dass er einer unter Gleichen ist. Wie er beim Fußball die Konfirmanden begeisterte - er hat mit denen gelebt, die ihm anvertraut sind. Auch das ist eine schöne Botschaft an einem politischen Ort!

Homepage Katrin Göring-Eckardt hier


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